Ophelia

Ophelias Geburt

Mein errechneter Termin wäre der 13.09. gewesen – nur ein geschätztes Datum, wie wir alle wissen. Am 16.09. hatte ich vormittags einen Kontrolltermin im Krankenhaus, zu dem mich Anna geschickt hatte. In der Schwangerschaft hieß es mehrmals, unser Baby sei zart, deswegen hatten mein Mann und ich schon fast mit einer Einleitungsempfehlung gerechnet. Genau so kam es auch. Weil jedoch alle Werte passten, das Baby gewachsen ist und auch mein erstes Kind schon zart war, lehnten wir freundlich ab und fuhren wieder nach Hause.

Ich bin mir sicher, dass dieser Termin nötig war. Er hatte mir zwar vorher innerlich Stress gemacht, aber sobald wir das Krankenhaus verließen, fiel alles von mir ab. Und genau da – auf der Heimfahrt – spürte ich die ersten sanften Wehen. Als hätte mein Körper einfach gewartet, bis ich wieder frei atmen konnte.

Die ersten Wehen

Der Nachmittag verging mit unregelmäßigen Wehen, die leise und heimlich in mir arbeiteten. Ich erzählte niemandem etwas – ich wollte noch keine Hoffnungen wecken. Vor allem wollte ich diese erste Phase ganz für mich genießen.

Abends, als unser Sohn schlief und die Wehen regelmäßiger und kräftiger wurden, sagte ich es meinem Mann und meiner Oma. Beide waren sofort aufgeregt. Ich aber wusste: Es könnte noch dauern. Also schickte ich meinen Mann schlafen und wehte in der Nähe meiner Oma weiter vor mich hin.

Als die Abstände irgendwann bei fünf Minuten waren, überredete sie mich, Anna anzurufen, obwohl mein Bauchgefühl sagte: Es ist noch nicht so weit. Anna kam gegen drei Uhr morgens – und fast gleichzeitig hörten die Wehen auf. Nach einem Versuch mit Akupunktur kamen noch vier Wehen, dann Ruhe. Der Muttermund war bei 2 cm. Wir beschlossen, dass sie wieder fährt und ich versuche zu schlafen.

Das gelang auch. Zwischen fünf und sieben Uhr weckten mich immer wieder Wehen, bis ich schließlich nicht mehr schlafen konnte. Unser Sohn wachte auf, und meine Oma nahm ihn liebevoll mit nach draußen.

Wir alle spürten: Heute ist der Tag.

Angekommen in der Geburt

Mein Mann rief Anna erneut an. Sie kam gegen neun Uhr. Er massierte mir den Rücken mit einem warmen Kirschkernkissen, und ich tauchte immer mehr ein. Diesmal war ich aber ganz bei mir – präsent. Im Gegensatz zur Geburt unseres Sohnes fühlte ich mich nicht wie auf einem anderen Planeten. Ich war hier, ich hörte, sah und spürte alles.

Meine beste Freundin kam irgendwann dazu. Sie hatte sich gewünscht, einmal eine Geburt miterleben zu dürfen. Sie war einfach da – ruhig, unterstützend, brachte Wasser, erinnerte mich ans Atmen. Nichts Aufdringliches. Nur Präsenz.

Mein Mann war mein Halt. Streichelte meinen Rücken, ließ mich schreien oder mich an ihm festbeißen, wenn ich etwas brauchte. Er war ruhig. Voll Vertrauen in mich, in uns. Ganz anders als bei der ersten Geburt. Das Zuhause, die Geborgenheit, Annas zurückhaltende Art – all das trug mich.

Selbstbestimmt

Ich war nicht wie damals ans Bett gefesselt. Ich bewegte mich, so wie mein Körper es wollte: hockend über dem Sitzsack, am Ball, im Vierfüßler, ein Fuß mal auf einem Hocker – die Schwerkraft als Verbündete. Anna gab ab und zu Impulse, nie Druck. Sie tastete während der gesamten Geburt nur ein einziges Mal den Muttermund – gegen Ende, während der Pressphase. Ansonsten ließ sie mich gebären. Wenn ich auf die Toilette musste, musste ich es nicht einmal. Sie legte einfach etwas unter mich. Sie hörte zwischendurch die Herztöne ab, dokumentierte, organisierte leise den Raum, verschwamm im Hintergrund – und war doch genau da, wenn ich sie brauchte. Irgendwann ging sie kurz auf den Balkon und schloss die Augen in der Sonne. Für einen Moment bekam ich Sorge, dass sie gleich vorschlagen könnte, ins Krankenhaus zu fahren. Das wollte ich nicht. Also stand ich auf, sammelte meine Kraft und beschloss: Ich bekomme unser Baby jetzt.

Die Wehen wurden kraftvoller. Sie brannten. Und ich fragte mich trotzdem zwischendurch: War es das? Vielleicht, weil die Geburt unseres Sohnes damals so viel intensiver war – ausgelöst, fremdbestimmt. Dieses Mal war es mein Weg, mein Tempo. Ich beschleunigte irgendwann selbst, presste sogar in Wehenpausen – was natürlich nichts brachte. Aber es zeigte mir, wie sehr ich wollte. Und dann, endlich – die Fruchtblase. Von selbst. Kein Eingriff. Das war für mich ein Meilenstein, denn beim ersten Mal wurde sie geöffnet. Hier spürte ich: Mein Körper kann das. Er kann Gebären. Von alleine.

Ich griff irgendwann selbst zwischen meine Beine, in der Hoffnung, den Kopf zu fühlen. Noch war nichts da – aber das half mir weiterzumachen. Und dann, ganz plötzlich, mit einem Schwall, kam sie. Anna fing sie auf, reichte sie mir – und alles um mich herum verschwand.

Unsere Tochter

Wir hatten eine Tochter.

Wunderschön, rosig, lebendig.

Ophelia.

Anna beobachtete Ophelia genau und wischte ihr Gesicht ab. Mein Mann und ich waren in unserer Blase aus Glück. Meine beste Freundin schnitt die Nabelschnur durch. Die Nachwehen blieben, bis die Plazenta geboren war.

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie das Wohnzimmer danach aussah. Anna hatte schon gesäubert, Wäsche eingeschaltet, Müll entsorgt, bevor ich überhaupt richtig blinzeln konnte. Mein Mann hielt unsere Tochter, Anna half mir unter die Dusche.

Zurück im Wohnzimmer setzte ich mich nieder und beobachtete, wie Anna Ophelia begrüßte, maß und wog. Dann setzten wir uns gemeinsam auf den großen Sitzsack, lehnten uns zurück und schauten gemeinsam auf dieses kleine Wunder beim ersten Stillen.

Der Blick, den wir austauschten, begleitet mich bis heute. Warm, stolz, ruhig. In ihrem Lächeln lag so viel:

„Du hast das geschafft. Dein Körper. Ganz allein.“

Und genau das habe ich auch gefühlt.