Michael

Michael

Ich war einen Tag über dem Geburtstermin. Paul musste an diesem Vormittag erst später zur Arbeit, daher frühstückten wir ganz gemütlich gemeinsam. Als wir zwischen Küche und Vorzimmer standen, wurde es plötzlich warm zwischen meinen Beinen und feucht. Paul und ich schauten uns an und meinten: Oh, das könnte ein Blasensprung sein.

Ich ging auf die Toilette und wischte mich mit Klopapier ab, um zu sehen, ob die Flüssigkeit eine Farbe hatte, denn auf der schwarzen Leggings konnte man nichts erkennen. Doch auch das Klopapier blieb farblos. Außerdem hatte die Flüssigkeit keinen Geruch.

Wir telefonierten mit Anna, die fragte, ob ich bereits Wehen hätte und wie es mir ging. Es ging mir gut und ich hatte noch keine Wehen, und so vereinbarten wir, dass ich den Tag erst einmal normal weiter gestalte und mich melde, sobald sich etwas verändert und sie spätestens am späteren Nachmittag zu einer Kontrolle vorbei kommt.

Paul ging in der Zwischenzeit arbeiten. Zu Mittag kam er wie immer zum Essen nach Hause. Als er gegen 15 Uhr wieder zur Arbeit fahren wollte, meinte ich, dass ich ein leichtes Ziehen im Unterleib verspüre – ganz sanft, wie sehr leichte Regelschmerzen. Da ich sagte, ich glaube, dass es bestimmt noch dauern würde, meinte er, er fahre noch arbeiten, würde aber in der Praxis fragen, ob er Aufträge in der näheren Umgebung bekomme.

Nachdem Paul wieder dort war, telefonierte ich erneut mit Anna und erzählte ihr, dass ich ein ganz leichtes Ziehen habe, das sich für mich recht regelmäßig anfühlt. Anna meinte, die Wehen würden irgendwann so stark werden, dass man sich vollkommen darauf konzentrieren müsse. Ich sagte ihr, dass es noch gar nicht so sei.

Gegen 17 Uhr wurden die Wehen dann deutlich regelmäßiger und stärker. Ich rief Anna nochmals an und sagte, dass sie nun stärker und regelmäßig seien, ich mich aber noch nicht voll darauf konzentrieren müsse. Ich meinte, sie brauche sich nicht zu beeilen. So verblieben wir, dass sie zu Hause noch etwas fertig macht und sich dann auf den Weg macht, da es als Erstgebärende bestimmt noch dauern würde.

Danach rief ich Paul an und sagte ihm, dass die Wehen nun regelmäßiger und stärker geworden seien. Er meinte, er mache noch einen Bauern fertig und komme dann nach Hause.

In der Zwischenzeit wurden die Wehen immer intensiver und die Abstände kürzer. Ich probierte verschiedene Atemtechniken und Positionen aus, die ich im Buch „Die selbstbestimmte Geburt“ gelesen hatte. Am besten ging es mir, wenn ich während der Wehen wie ein Pferd schnaubte, mich am Tisch, an der Couch oder am Kachelofen festhielt und mich dabei nach vorne beugte.

Den Pool hatten wir bereits ein paar Tage zuvor aufgeblasen. Nun versuchte ich, das Wasser anzuschließen und einzulassen, aber die Wehen kamen in so kurzen Abständen, dass ich es nicht schaffte. Ich wollte auch etwas trinken, doch selbst das war fast unmöglich, da mich immer wieder eine Wehe überrollte.

Paul kam etwa 45 Minuten nach unserem Telefonat nach Hause. Als er hereinkam, hatte ich gerade eine Wehe und war recht laut. Er ging sofort wieder hinaus. Ich wollte ihn bitten, mir den Pool einzulassen und mir etwas zu trinken zu bringen, doch da war er schon wieder weg. Als er zurückkam, meinte er, er habe noch schnell den Stall gemacht. Danach half er mir, den Pool einzulassen, und brachte mir etwas zu trinken.

Kurz vor 19 Uhr kam Anna an. Ich hatte bereits ein starkes Verlangen zu pressen, war mir aber unsicher, ob das schon möglich sei – wer wusste schon, ob der Muttermund bereits weit genug offen war. Anna zog sich schnell die Handschuhe an und kam zu mir. Sie hörte die Herztöne ab und meinte, wenn ich möchte, könne ich ins Wasser steigen.

Als ich in den Pool stieg, wurden die Wehen noch heftiger. Anna tastete den Muttermund und sagte, ich könne gerne schon mitdrücken.

Das tat ich dann auch. Ich presste – und wollte sogar ohne Wehen weiter pressen. Anna riet mir jedoch, nur dann mit zu schieben, wenn eine Wehe kommt. Ich spürte, wie das Baby immer weiter in den Geburtskanal rutschte. Es fühlte sich für mich bereits so an, als müsste der Kopf schon zu sehen sein. In diesem Moment sagte Anna, ich solle noch ein paar Mal drücken, dann könne man den Kopf wahrscheinlich schon sehen. Ich dachte mir: Was? Man sieht ihn noch gar nicht? Ach herrje …

Nach weiteren zwei Presswehen hatte ich das Gefühl, als würde ich unten auseinander gezogen werden, und es begann stark zu brennen. Anna meinte, sie könne den Kopf sehen. Ich wollte weiter pressen, doch Anna riet mir erneut, nur während der Wehen zu pressen. Bei der nächsten Wehe spürte ich, wie ich den Kopf gebar, und mit der darauf folgenden Wehe den restlichen Körper.

Michael hatte die Nabelschnur einmal um den Hals, doch Anna war so flink, dass sie diese bereits im Wasser abwickelte. Sie legte mir Michael in die Arme. Anfangs begann er noch nicht gleich zu atmen oder zu schreien, doch nach ein paar Sekunden war er da – er schrie und bekam eine schöne rote Farbe.

Paul und ich blickten voller Stolz auf unseren Kleinen.